Wohnen

Wohnen im Forum Kreuzberg – mehr als ein Dach über dem Kopf.

In unseren Wohnungen verbringen wir noch mehr Zeit als an unseren Arbeitsorten. Es sei denn, die Wohnung ist unser Arbeitsort, was nicht nur für Kreativheimwerker*innen gilt, sondern auch für Hausmann*frau und Mütter wie Väter, die sich dem Reproduktionsmanagement widmen. Unsere Wohnungen sind Identität stiftende und von Identität zeugende Orte. Hier kann unser Leben blühen und hier darf es auch welken. Anders als in freistehenden Einfamilienheimen, wo mit Abstand sichernden Gärten das „Glück allein“ in der Verschlossenheit gesucht wird, rücken sich die Urbanisten*innen richtig gegenseitig auf den Pelz. Sie machen aus der Not, dass einfach nicht genug Platz vorhanden ist, eine echte Tugend und stilisieren die Lebensgeräusche ihrer Wand an Wand lebenden Nachbar*innen zum Lebenselixier. „Ich höre meine Mitbewohner*innen, also bin ich!“, frei nach Descartes.

Das Leben im urbanen Mehrfamilienhaus, in dem ich die Menschen kenne, die dort zusammen mit mir wohnen, ist dezidiert mehr als „ein Dach über dem Kopf“. Ohne das verbindende von Gemeinschaften übermäßig zu strapazieren und ohne das Leben in der noch dichteren Wohngemeinschaft zu idealisieren, können doch Kinder und Erwachsene gut beschreiben, warum sie diese eigenständige Qualität des Wohnens in einer Stadtgemeinschaft schätzen. Allein dass man die Menschen kennt, mit ihnen redet, etwas mit ihnen zu tun hat, wird immer wieder als etwas Besonderes beschrieben, was man in vielen eben anonymen Mietshäusern vermisst.

“Ich wohne seit 1980 im Forum und bin im Oktober 2016 in den Neubau gezogen. Wenn ich dort auf dem Balkon stehe, blicke ich in den Hinterhof der Häuser Köpenicker Str. 172-174. Von diesem Balkon aus sehe ich an einem Samstag im November Michael W. Und seine Enkelin Helen . Helen erzählt munter neben ihrem Opa laufend, wie groß sie nun schon sei und dass sie beim Weihnachtsspiel sogar die Maria sein dürfe. Der Opa schweigt und nickt wohlwollend. Sein Vorhaben Altpapier zu entsorgen fordert seine ganze Aufmerksamkeit, weil die Tonne wie immer ziemlich voll ist.

Mit dem Papier unterm Arm  seiner Enkelin an der Seite, die immer noch munter allerlei zu erzählen hat , ist vom Balkon aus zu erkennen, dass hier ein Problem zu lösen ist. Ratlosigkeit und kurzes Zögern ist der Körpersprache des Großvaters  zu entnehmen. Also kurzes Innehalten. Das ist Helens Moment, die ohne Zögern den optimistischen Vorschlag macht in die Tonne zu steigen und das Papier mit den Füßen zusammen zu drücken. Das geschieht in Windeseile aber mit recht mäßigem Erfolg. Also steigt der Opa auch in die Tonne. Zwar nicht so schnell, aber doch bemerkenswert gelenkig!

Nun sehe ich also von meinem Balkon aus den 80 jährigen Großvater lächelnd und die 5jährige Enkelin johlend in der Papiertonne hüpfen. Beide haben haben großen Spaß dabei und ebenso viel Erfolg. Das Problem ist gelöst, das Altpapier kann wunderbar entsorgt werden. Die Heiterkeit  dieser gelungenen Aktion ist bis zu mir auf den Balkon geklettert. War das jetzt Mehrgenerationen – Haus

Ganz sicher und es hinterlässt in mir die Gewissheit, dass ich hier richtig bin.”

Susann Cojaniz

Als lebendiger Ort zeigt Wohnen auch mehr oder weniger explizit alle drei Dimensionen des sozialen Organismus, wenn man mal den seltenen Fall der Einsiedelei, wo ich allein bin und deswegen von sozialen Dimensionen kaum die Rede sein kann, absieht.

Wohnen ist zunächst einmal eine Gerechtigkeitsfrage. Das empfinden wohl bei ernstem Nachdenken alle Menschen so. Das mein nacktes Überleben sichernde Dach überm Kopf ist ein Menschenrecht, zu dem Boden und Wände in allen Ausprägungen sowie der freie Ein- und Ausgang ebenso gehören. In wie fern die dabei berührte Frage der Verteilungsgerechtigkeit, also wie viel versiegelte Bodenfläche und wie viel Nutzfläche im Haus nehme ich für mich in Anspruch, tatsächlich eine Gerechtigkeitsfrage und nicht viel mehr eine Bedarfsfrage ist, soll hier nicht letztverbindlich entschieden werden.

Jedenfalls ist Wohnen dezidiert auch eine Bedarfsfrage. Als aufgeklärte, mitmenschlich fühlende Wesen, tuen wir uns ja mit dem Bedarf der anderen immer eher etwas schwer. Wir wünschen uns natürlich, dass ein jeder zufrieden ist und auch das bekommt wessen er bedarf. Aber wenn dann dieser Bedarf sich Dinge wünscht, die unseren für uns selbst tolerierten eigenen Bedarf deutlich übersteigen, können auch mitunter empörte Regungen bis hin zum giftigen Neid beobachtet werden. Da macht es sich die Volkswirtschaftsleere doch deutlich einfacher. Als Nachfrage nimmt sie nur den Bedarf wahr, der auch mit der nötigen Kaufkraft ausgestattet ist und glaubt weiter an die „invisible hand“ des Marktes, wo diese Nachfrage wie für jeden Topf ein Deckel ein passendes Angebot findet. Wer die Verhältnisse in urbanen Metropolen kennt, weiß sehr genau, dass das nicht so ist, viel verzweifelte Nachfrage leer ausgeht und spekulative Gier aus dieser Notlage ihre satten Profite ziehen kann. Spätestens da wird dann Wohnen doch wieder zu einer Gerechtigkeitsfrage.

Im Forum Kreuzberg haben wir uns darauf verständigt, Wohnen vor allem auch als eine Fähigkeiten-Frage zu begreifen. Warum das? Seit spekulatives Kapital bar jeder Vernunft und Maß immer weniger als ermöglichender Investor und immer mehr als nur dem  Kapitalertrag verfallener, spekulativer Verhinderer sich in alle Nischen und Enklaven hineinfrisst, wo auch immer aus menschlicher Not profitables Investment geschmiedet werden kann, ist das kluge Zurückerobern urbaner Lebensräume durch die Menschen, die dort wohnen, explizit eine Frage guter Ideen und genialer Konzepte. Fähigkeiten im Management gemeinschaftlicher Wohnformen einerseits zu nutzen und andererseits alle Möglichkeiten der Kapitalverfügung nicht zum individuellen Vorteil, sondern zur Steigerung der Qualitäten im Leben in Gemeinschaften zu optimieren, ist eine Frage der Freiheit und des Könnens. Natürlich gehört auch Mut dazu. Zum Beispiel Mut, wie ihn Dr. Carl-Michael Wilhelmi bewiesen hat, als er mit dem Kauf der ersten Häuser die Grundlagen für dieses Forum Kreuzberg gelegt hat. Lebensgemeinschaften wie das Forum Kreuzberg bleiben deshalb auf Menschen angewiesen, die nicht nur die Befriedigung der individuellen Wohnbedürfnisse im Sinn haben und bestenfalls sich noch einer gewissen Verteilungsgerechtigkeit verpflichtet fühlen, sondern als mutige Unternehmer*innen die Kapitalallokation für die Gemeinschaft vorantreiben und die gemeinschaftliche Zurückeroberung urbaner Lebensräume erfolgreich zu organisieren verstehen. Das meinen wir mit „Freiem Geistesleben“.

Bauen & Wachsen

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