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Selbstverwaltung im Forum Kreuzberg – eine kleine Gesellschaftsgeschichte

Ursprünglich waren alle Aktivitäten und Besitztümer im Forum Kreuzberg in einem einzigen gemeinnützigen Verein zusammengefasst. Dieser Verein hatte einen langen Namen: “Forum Kreuzberg – Zentrum für wissenschaftliche, künstlerische und soziale Arbeit e.V.“ 21 Jahre später war die Gemeinschaft, die Häuser und vieles andere mehr so gewachsen, dass im Jahr 1993 nach einem umfangreichen Organisationsentwicklungsprozess drei neue juristische Personen entstanden, von denen eine nur ihren Namen geändert hat. Der ursprüngliche Gesamtverein mit dem langen Namen hieß jetzt nur noch „Forum Kreuzberg Förderverein e.V.“ Aus diesem wurden alle Arbeitsfelder wie Kindergarten, Hort, Schülerladen, Jugendarbeit, Theater und Schauspielschule in einen neuen „Projekte-Verein“ mit dem kurzen Namen „Forum Kreuzberg e.V.“ ausgegliedert. Und noch etwas Neues entstand. Die „Forum Kreuzberg Mietergenossenschaft eG“. Diese Genossenschaft war zukünftig für die Bewirtschaftung und Verwaltung der Immobilien zuständig. Deshalb wurde ein Pachtvertrag über alle Häuser mit einer Laufzeit von 20 Jahren abgeschlossen. Weitere 20 Jahre später wurden die Verhältnisse noch einmal neu gegliedert und die Genossenschaft änderte nochmals ihren Namen. Seitdem heißt sie „Forum Kreuzberg Wohngenossenschaft eG“.

Aus dem Pachtvertrag wurde ein Erbpachtvertrag, der der Genossenschaft auf lange Sicht (99 Jahre) eigentumsgleiche Rechte an allen Wohnungen in den zwischenzeitlich 6 Häusern im Komplex Forum Kreuzberg mit insgesamt 10.000 qm Nutzfläche sichert. Davon sind rund 6.500 qm Wohnungen, für die zukünftig die Genossenschaft zuständig ist, während für die rund 3.500 qm gewerbliche Flächen, die überwiegend für kulturelle und Bildungsaufgaben genutzt werden, der Förderverein zuständig ist. Als sogenannte „ideelle Bruchteils-Miteigentümer-Gemeinschaft“ sind Genossenschaft und Förderverein Erbbaurechtsnehmer während der Förderverein selber alleine Erbbaurechtsgeber ist. Die Genossenschaft hat zwischenzeitlich rund 140 Mitglieder und einen Bestand von ca. 90 Wohneinheiten, in denen insgesamt rund 170 Menschen wohnen. Damit liegt die durchschnittliche Wohnungsgröße bei etwas über 70 qm und der Platz pro Mensch im Schnitt bei 38 qm.

Da zwischenzeitlich aus einer ersten kleinen Photovoltaikanlage, die vor knapp 20 Jahren errichtet wurde, durch weitere PV-Anlagen, 4 Blockheizkraftwerke, 7 Geothermie-Sonden und mehrere Luftwärmepumpen im Forum Kreuzberg ein kleines Energie-Versorgungs-Unternehmen (EVU) entstanden war, wurden dessen Aktivitäten in der „Forum Hauswirtschaft GmbH“ zusammengefasst. Den größten Teil am Stammkapital dieser Gesellschaft hat die Forum Kreuzberg Energiegesellschaft GbR übernommen, in der sich alle natürlichen Personen, die im Forum Kreuzberg Strom beziehen, als Eigenstrom-Versorgungs-Gemeinschaft zusammengeschlossen haben. So verkauft dann die Gemeinschaft ihren Mitgliedern den Strom, den sie letztlich gemeinsam selbst produziert haben, wobei natürlich die Sonne tüchtig mithilft. Aktuell werden noch weitere PV-Anlagen, Stromspeichersysteme und eine Strom-Tankstelle geplant.

Damit der Zusammenklang dieser drei Akteure, Förderverein, Genossenschaft und GmbH, auch im Alltag reibungslos funktioniert und gut ineinandergreift, haben sich diese drei Gesellschaften wiederum zu einer Arbeitsgemeinschaft, der „ARGE Forum Kreuzberg GbR“ zusammengeschlossen. Diese Gesellschaft hat aktuell vier Geschäftsführer*innen bestellt, die ehrenamtlich und teilweise auch hauptamtlich die Geschäfte im Alltag führen. Aktuell steht dabei immer noch das Baugeschehen deutlich im Vordergrund.

Damit das organisatorische Zusammenspiel sozial auch als Ganzes gut funktioniert treffen sich alle verantwortlichen Organvertreter*innen dieser diversen Gesellschaften oder präziser ausgedrückt „juristischen Personen“ einmal monatlich im „Initiativkreis Forum Kreuzberg“. Zusammen mit weiteren Menschen, die in diesen Kreis berufen wurden, arbeiten so rund 30 Menschen kontinuierlich an den alltäglichen Gestaltungsfragen der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Forum Kreuzberg. Aus diesem Kreis kommen aber immer wieder auch Anregungen, wie umfangreichere oder kontinuierlich zu betreuende Arbeitsaufgaben durch weitere Arbeitsgruppen übernommen werden können. Davon sind aktuell 18 AG’s am Start, die sich um Bienen, Fassadengrün, Feste, Feel-Good, Öffentlichkeitsarbeit, Bau, Wohnraum, Produktivraum, Solidarität, Generationswechsel u.v.a. mehr kümmern. So lebt Selbstverwaltung in der ganzen Gemeinschaft und für jeden ist etwas dabei. Wem noch etwas fehlt, der gründet einfach eine neue Arbeitsgruppe. Über einen in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Newsletter, viele Gespräche in Höfen, Treppenhäusern und bei Festen bleibt die Erzählung untereinander lebendig.

Angesichts der dynamischen Veränderungen in den Berliner Innenstadtbezirken, die im Stadtteil Kreuzberg noch mal besonders dramatisch ausfallen, wandelt sich ein Ort, an dem die Menschen kaum viel mehr als das einzig Vernünftige tuen und ihr Leben gemeinschaftlich organisieren, unversehens zu einer Insel der Glückseeligen. Folglich erreichen uns jeden Tag Anfragen von Menschen, die meistens einfach nur eine bezahlbare Wohnung zu finden versuchen. Die Menschen sind überrascht, dass die Forum Kreuzberg Wohngenossenschaft keine Warteliste führt, sondern versucht, wenn denn überhaupt mal Wohnungen frei werden, Menschen mit Initiative und Tatkraft zu finden, die den gemeinschaftlichen Impuls in die Zukunft tragen. Dem liegt gewiss auch die Hoffnung zu Grunde, dass die, die nach uns kommen, auf dieser guten Grundlage weitere Häuser kaufen und neue Arbeitsfelder gestalten. Nachhaltigkeit in diesem Sinne verstanden, bedeutet, wie es im Leitbild für das Forum Kreuzberg steht: „Wir sind für den Erhalt, die Pflege und die sorgsame Weiterentwicklung der Lebensgrundlagen aller heutigen und zukünftigen Generationen und Geschöpfe mit unserem Erkennen, Empfinden und Handeln verantwortlich.“

Geschichte

Geschichte
Eine kurze Geschichte der Köpenicker Straße 174 und des Forum Kreuzbergs, aufgeschrieben 2002/03 von Jan Michael Leisse. Quellenangaben:...

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