Startseite / Über uns / Die Geschichte des Forums / Gründung und Aufbau: 1972 bis 1989

Gründung und Aufbau: 1972 bis 1989

Vom Kauf für 450.000 DM über Volkshochschule, Werkstätten und Kindergarten bis zum Block aus sechs Häusern.

Mehrere Menschen sitzen und stehen an einem Tresen und unterhalten sich.

This page in English

1972 kaufte der Lehrer Michael Wilhelmi zusammen mit der SPD-Abgeordneten Christel Rupprecht die Häuser Köpenicker Straße 174 und Eisenbahnstraße 21. Der Preis betrug 450.000 DM, für Berliner Verhältnisse damals günstig. Rupprecht unterstützte das Vorhaben, ohne selbst einzuziehen, ihre Anteile kaufte das Forum später zurück.

Wilhelmi hatte länger nach einem solchen Ort gesucht. Angeregt von der Anthroposophie Rudolf Steiners, besonders von seinen Gedanken zur Dreigliederung des sozialen Organismus, wollte er eine Form finden, in der Wohnen, Lernen und Arbeiten zusammenfallen. Die Räume an der Köpenicker Straße ließen viel zu, und Kreuzberg war in diesen Jahren ein Bezirk, in dem alternative Lebensentwürfe nicht sofort auf Ablehnung stießen. Den Anfang machten Wilhelmi und sieben Studenten der Freien Universität, die sich in Diskussionsrunden kennengelernt hatten.

1973: der Verein und die Volkshochschule

Am 1. Mai 1973 wurde der „Verein Forum Kreuzberg, Zentrum für wissenschaftliche, künstlerische und soziale Arbeit e.V.“ gegründet. Die Freie Volkshochschule war seine erste Einrichtung, im dritten Obergeschoss der Hinterhäuser, mit Kursen in Tischlern und Töpfern gemeinsam mit der Volkshochschule Kreuzberg. Zuvor hatten diese Räume als Moschee gedient, mit Übernachtungsmöglichkeiten für Gastarbeiter nebenan.

In den Restauranträumen entstand die Tarantel, als Treffpunkt für die Dreigliederungs-Debatte gedacht. Sie wurde vor allem eine Studentenkneipe mit Konzerten. Zwei Jahre später war sie ein Problem: Lärm, Drogenmilieu, auszugswillige Altmieter und mehrere Gerichtsverhandlungen. 1975 musste sie schließen.

In dieselben Räume zog danach das Midgard, gegründet von Mitgliedern des Forums und eines der ersten vegetarischen Restaurants der Stadt. Es blieb weit über ein Jahrzehnt und wurde für das Haus mehr als ein Lokal.

1974 richtete Wilhelmi im vierten Obergeschoss das Orientierungsjahr ein, ein Wanderstudium für junge Menschen: vier Wochen Arbeit im Forum, acht Wochen Industrie, ein landwirtschaftliches Praktikum, dann Mitarbeit in sozialen Projekten weltweit.

1976 bis 1979: von der Idee zur Struktur

1976 wurden Arbeits- und inhaltliche Planung getrennt, Entscheidungen lagen nun bei den Mitarbeitenden des jeweiligen Projekts statt beim Plenum. 1977 nahm das Forum am Wettbewerb „Strategien für Kreuzberg“ teil und erhielt die ersten öffentlichen Fördermittel, aus denen ein Dielenboden und ein Brennofen für die Töpferei bezahlt wurden.

1978 eröffnete Heiner Huober in der übernommenen Tischlerei eine Spielzeugwerkstatt. Im selben Jahr entstand eine Wirtschaftsgemeinschaft: Was in den Projekten erwirtschaftet wurde, kam in eine gemeinsame Kasse, aus der alle ihren Lebensunterhalt bestritten, auf Vertrauensbasis. Sieben Jahre hielt das. Wer in dieser Zeit eine Familie gründete, stieg meist früher aus.

Ende der Siebziger war der anfängliche Idealismus einem Pragmatismus gewichen. Die ersten Familien lebten im Haus, es ging darum, Strukturen und Verantwortlichkeiten zu regeln.

1980 bis 1984: Werkstätten, Kindergarten, Theater

1980 richtete Hermann Leisse in der ehemaligen Modellgießerei eine Metallwerkstatt ein. Zusammen mit Spielzeugwerkstatt und Malerei bildete sie die Werkhof Kreuzberg GmbH, die Ausbildung und wirtschaftlichen Betrieb verbinden sollte. Ein Jahr später kam die Jugendwohn- und Ausbildungsgemeinschaft dazu: In einer betreuten Wohngemeinschaft lebten Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen und wurden in den Werkstätten ausgebildet.

Im selben Jahr übernahmen Eva Seidl und Karl-Heinz Finke das Midgard und führten es als vegetarisches Restaurant weiter. Längere Zeit gab es dort einen gemeinsamen Mittagstisch für alle im Forum, was für den Zusammenhalt im Haus mehr bewirkt hat als manche Sitzung. Auch Jugendliche aus der Ausbildungsgemeinschaft machten hier ihr Praktikum.

1982 eröffnete Susan Cojaniz mit einer Elterngruppe im Erdgeschoss der Eisenbahnstraße 22 den Waldorfkindergarten. Fast jedes Forumskind ging dort hin, viele Kinder von außerhalb ebenfalls. Bis heute sind daraus vier Kindergärten in verschiedenen Häusern geworden.

Im selben Jahr begann in der Freien Volkshochschule das anthroposophisch-künstlerische Einführungsjahr. Hans Paul Fiechter leitete es sieben Jahre lang, bis 1989. Die einjährigen Studienkurse verbanden künstlerisches Üben mit den Grundlagen anthroposophischer Menschen-, Welt- und Kunsterkenntnis. Auf dem Plan standen Malen, Zeichnen und Plastizieren, Eurythmie, Sprachgestaltung und Gesangsschulung nach Valborg Werbeck-Svärdström, dazu Ästhetik, Literatur, Musiktheorie und Anthroposophie über drei Trimester. Gedacht war das als Vorbereitung auf eine künstlerische oder kunsttherapeutische Ausbildung, offen stand es allen, Vorkenntnisse wurden in keinem Fach vorausgesetzt. Viele Teilnehmende waren dafür ein Jahr lang täglich im Haus.

1983 begann die große Sanierung, drei Jahre lang, finanziert aus Fördermitteln und Selbsthilfe. Balkone wurden als Holzkonstruktion über alle vier Stockwerke gleichzeitig montiert, ein Autokran hob sie über das Dach. Für die Kinder im Haus war die Dauerbaustelle ein Abenteuerspielplatz, im gefluteten Keller fuhren sie mit einem selbstgebauten Floß.

1984 gründete Jobst Langhans das theaterforum kreuzberg, der alte Ballsaal wurde zum Theatersaal. Das erste Stück war „Der König stirbt“ von Ionesco. Im selben Jahr kaufte der Verein die Eisenbahnstraße 23 für 135.000 DM.

1985 bis 1989: das Forum wird ein Block

1985 übertrug Michael Wilhelmi seinen Anteil an den Häusern an den Verein und gab damit sein Miteigentum in die Gemeinschaft. 1986 kam nach langen Debatten und gegen manche Bedenken die Köpenicker Straße 175 dazu, für 1,1 Millionen DM, mit Vorderhaus, drei Seitenflügeln und zwei Quergebäuden.

1987 richtete Birgit Oechsler in den Läden der Eisenbahnstraße 23 den Schülerladen ein, eine Anlaufstelle für Kinder aus der Nachbarschaft. Daraus ist der heutige HeldInnen Raum geworden.

1988 zogen eine Bildhauerwerkstatt und eine Ateliergemeinschaft ins Fabrikgebäude, mit Kerzenwerkstatt, Maleratelier und Goldschmiede. Im Hinterhaus begann die vierjährige Schauspielausbildung, aus der das Michael Tschechow Studio wurde. Die Tischlerei zog um, ihre alten Räume hatte übergangsweise Nina Hagen als Proberaum genutzt.

Wie es nach dem Mauerfall weiterging, steht unter Mauerfall und Veränderung.